Lovis Varges sel. A. (1937 - 2005)

von Kerstin Decker



Er wusste, was das ist: laut. Je lauter desto hässlicher.

Der Lärm der Welt machte Halt vor ihm. Nicht zu hören, ist eine Art Verschontwerden. Vielleicht hat er sich das manchmal gesagt, wenn er Menschen mit so eigentümlich verzerrten Gesichtern sah. Je lauter sie reden, desto beklagenswerter sehen sie aus.

Insofern wusste er, was das ist: laut. Je lauter, desto hässlicher. Er hat nichts verpasst. Seine Welt war von Geburt an still. Und alles, was wichtig ist, ist still. Bücher sind still, Bilder sind still. Obwohl – Bücher und Bilder waren ihm nicht so wichtig. Sein gehörloser Vater gab ihm zwar den Maler-Namen, Lovis wie Lovis Corinth. Sein Vater liebte Corinth und malte fast wie er. Lovis Varges selbst liebte mehr die Motoren. Opel-Motoren. Sie waren die einzige große Liebe seines Lebens.

Eine gute Voraussetzung Motoren zu lieben, ist, dass man sie nicht hören kann. Andererseits hörte er sie doch. Wenn er dieses Vibrieren spürte, ahnte er, was das sein könnte: laut. Laute Motoren sind bestimmt viel schöner als laute Menschen, dachte er.

Als Kind konnte Lovis Varges’ Vater noch hören, er ist erst durch Krankheit ertaubt. Immerhin, er brauchte Goebbels und Hitler nicht zu hören. Er wusste diese Gnade der Natur zu schätzen, die akustische Hochrüstung des Dritten Reichs ging lautlos an ihm vorbei. Vielleicht zu lautlos für viele seiner Mit-Tauben. Denn es gab nur wenige Hitler-Gegner unter den Gehörlosen. Lovis Varges’ Vater war eine Ausnahme. Er ging zu den kommunistischen Versammlungen für Gehörlose. Nach dem Reichstagsbrand wurde er verraten, von anderen Taubstummen.

Lovis Varges hat das nie vergessen. Er war der Achtundsechziger unter den Gehörlosen. Er war gefürchtet für seine politischen Belehrungen und für seine Und-wo-wart- ihr-damals-Fragen an die Älteren. Wo sein Vater gewesen war, wusste er genau. Er hat als kleiner Junge schon seine großen Narben gesehen. Der Vater war im Gestapokeller in der Prinz-Albrecht-Straße. Drei Monate lang weigerte er sich unter der Folter, die Scheidungsurkunde von seiner jüdischen Frau zu unterschreiben.

Lovis Varges’ Vater war eine einzige Provokation. Er vereinte alles, was die Nationalsozialisten hassten. Er war behindert, Kommunist und hatte außerdem diese Frau, die nicht nur Jüdin war, sondern auch noch taubstumm von Geburt. Er war zu ihrem Glauben übergetreten; Lovis war beider Sohn, taubstumm von Geburt wie seine Mutter. Die einzige Konzession, die der Vater den Nazis machte, war, dass er vorsichtshalber wieder Christ wurde, um Frau und Kind besser schützen zu können.

Aber Lovis sollte auf die Schule der Weißenseer Israelitischen Taubstummenanstalt in Weißensee gehen. Aus ganz Europa waren einst gehörlose Juden nach Berlin gekommen wegen dieser Anstalt. Die Taubstummenanstalt wurde geschlossen im Jahr, bevor Lovis zur Schule kam. Also ging er auf eine Taubstummenschule in Neukölln und wurde der Beste. Nicht nur, weil er klug war, sondern auch, weil er es leichter hatte gegenüber anderen Kindern, die erst durch Krankheiten wie Gehirnhautentzündung ertaubt waren, und deren Eltern plötzlich sprachlos waren ihnen gegenüber. Lovis war mit der Gebärdensprache aufgewachsen. Sprechen ist Zeigen, er fand das ganz normal.

Er fand es auch normal, dass ein fremder Mann häufig zu Besuch kam, der nahm ihn dann jedesmal auf den Arm, und Lovis sagte „Onkel“ zu ihm. Aber es war nicht die Zeit, in der kleine taubstumme jüdische Jungen einfach so neue Onkel bekommen, und irgendwann spürte der „Onkel“, dass die Familie einen Verdacht gegen ihn hegte. Da legte der Gestapomann in Zivil Identitätsmarke und Handschellen auf den Tisch – man wusste nun, was man voneinander zu halten hatte – und kam noch öfter zu Besuch. Hat er die Familie gar geschützt?

Das Leben ist manchmal ein großer Zyniker, und auch Rettungen sind dann von Zynismen kaum zu unterscheiden. Die meisten erblich Taubstummen wurden nach 1933 zwangssterilisiert. Mutter Elise entging der Zwangssterilisation, weil sie als Jüdin ohnehin nicht mehr lang zu leben hatte. Glaubten die Ämter.

Allen, die Lovis Varges kannten, fiel sein ungeheures Selbstbewusstsein auf. Menschen mit einem solchen Selbstbewusstsein können sehr anstrengend sein, auch lohnt es nicht unbedingt, mit ihnen zu diskutieren, denn sie haben ja ohnehin immer Recht. So einer war Lovis Varges. Aber wahrscheinlich konnte er gar nicht dafür, er muss das von seinen Eltern geerbt haben. Als Elise im September 1939 vom Polizeirevier Post bekam mit einer neuen Kennkarte, dem zusätzlichen Namen „Sara“ und einem großen „J“ dazu, war sie außer sich vor Empörung. Ihr Mann tobte ebenfalls, Elise protestierte und lehnte die Annahme der neuen Kennkarte rundweg ab. Die beiden kamen in Gewahrsam, für Vater Heinrich folgte noch der Aufenthalt in der Prinz-Albrecht-Straße, der die Narben auf seinem Körper hinterließ – und seine Frau vor der Deportation bewahrte.

Dann fielen die Bomben. Lovis wusste, dass die anderen Kinder mit ihren Eltern nun in den Keller gingen. Er spielte nicht mit ihnen, sie spielten anders als er. Wenn die Flugzeuge kamen, durften Juden nicht in den Keller, der Obernazi des Hauses passte auf. An ihrer Wohnungstür war der Davidstern. Sie saßen dann ganz dicht beim Ofen. Nicht wegen der Kälte, sie hatten die Ruinen studiert: Selbst wenn das ganze Zimmer fehlte, stand meist noch der Kachelofen in der Ecke.

Ein Jahr nach dem Krieg trafen sich im Jüdischen Krankenhaus die überlebenden gehörlosen Juden von Berlin. 400 bis 600 waren es vor dem Krieg. Jetzt kamen zwölf.

Lovis Varges wurde Lehrling bei Opel. Sein Leben für die Motoren begann. Nur ein einziges Mal wurde er Opel untreu. Das war, als er den VW-Bus für seinen Gehörlosen-Schwimm- und Kegelverein kaufte.

Quelle: Tagesspiegel

Copyright © 2003 by IGJAD - Alle Rechte vorbehalten.