Als das Fernsehen erfunden wurde

Sehen satt Hören: 1142. Sendung am 26. Juli 2003

Porträt des gehörlosen Physikers Wladislaus Zeitlin (1907 - 1940)

Präsentator Jürgen Stachlewitz: Hallo, willkommen bei Sehen statt Hören! Das ist heute die erste von sieben aufeinanderfolgenden Sendungen, in denen wir in einen Zug einsteigen und Bilder der Geschichte an uns vorüberziehen lassen. Genaueres darüber verrate ich Ihnen später. Jetzt machen wir gleich den Anfang mit einer interessanten Persönlichkeit: Er war gehörlos, er war ein richtiger Physiker, und er war bei der Erfindung des Fernsehens mit dabei! Wann, glauben Sie, war das? Nach dem 2. Weltkrieg? Nein, schon lange vorher, in den Zwanziger Jahren. Damals gab es einen Wettlauf, wer die beste Technik entwickeln konnte, um bewegte Bilder von einem Ort zum anderen zu übertragen. Aber was soll ich lange erzählen? Helmut Vogel und Mark Zaurov erklären es Ihnen gleich genauer.

Archivaufnahmen von Berlin in den 20er Jahren: Aus: Fritz und Ivan – NDR Kulturfeature v. 26.11.1992. Archivnr.: 1058326 Beh 5. Musik:

Moderation Helmut Vogel: Hallo! Die Bilder, die wir eben gezeigt haben, stammen aus den 20er Jahren hier in Berlin. Die Zeit war damals sehr aufregend und lebendig. Viele Lebensbereiche wie Film, Theater, Wissenschaft erfuhren eine regelrechte Blüte und befanden sich auf hohem Niveau! Berlin war in dieser Hinsicht europäische Spitze und konnte sich durchaus auch mit anderen Weltstädten messen. Zu dieser Zeit lebte auch Wladislav Zeitlin in Berlin.

Helmut: Ich möchte euch hier einen gehörlosen Historiker vorstellen. Sein Name ist Mark Zaurov, die Namensgebärde ist so: Mark. Er hat sich mit der Person Zeitlin beschäftigt, vieles über ihn gelesen und erkundet. Kannst du uns etwas über sein Leben erzählen – wie er aufgewachsen ist, wo er überall gewohnt hat und wie er sich entwickelt hat?

Mark Zaurov: Gern. Wladislav Zeitlin wurde am 19. September 1907 in Georgien in der Stadt Tiflis geboren, das ist im Süden Russlands, genauer gesagt im Kaukasus. Seine Mutter bemerkte schon in den ersten Babyjahren, dass er gehörlos ist. Allerdings war das für sie kein Hindernis; sie hat ihn in jeder Hinsicht gefördert und lautsprachlich erzogen. Er hatte eine unbefangene Kindheit, interessierte sich aufgrund seiner Neugierde sehr für Bücher. Schon mit 10 Jahren hatte er seine eigene Bibliothek und auch ein eigenes Laboratorium, in dem er viel tüfteln und herum experimentieren konnte. Besonders die Bereiche Physik und Chemie waren für ihn interessant. Später wurde seine Mutter leider krank.

Helmut: Die Mutter war für Zeitlin eine sehr wichtige Person! Sie hat ihn unabhängig von seiner Gehörlosigkeit gefördert. Sie hat ihm Mut gemacht und ihm die Welt eröffnet. Die Familie lebte damals in Russland und es ging ihnen gut. Zu dieser Zeit regierte noch der Zar und nicht die Kommunisten, diese kamen erst später an die Macht.

Mark: Ich vermute, dass er in Russland Privatunterricht bekam. Es ist nur eine Vermutung, weil es keine genaueren Angaben dazu gibt. Dann zog die Familie nach Italien, zum einen, weil die Mutter erkrankte und zum anderen, wegen der politischen Umwälzungen und der beginnenden Revolution in Russland. Zeitlins Eltern waren wohlhabend und konnten sich diesen Umzug nach Italien leisten. Dort wollten die Eltern Zeitlin eine höhere Ausbildung ermöglichen, was leider fehlschlug. Die Lehrer und Ärzte sagten, eine höhere Ausbildung sei nicht möglich. Er könne höchstens ein Handwerk erlernen. Das war ein Schock für die Familie. Somit entschieden sie sich, nach Deutschland zu ziehen. Warum ausgerechnet nach Deutschland, kann ich nicht sagen. In Berlin, hatte er dann einen Privatlehrer. Der Unterricht war anscheinend sehr mühsam und zeitaufwendig. Sie suchten also nach anderen Möglichkeiten. Dann trafen sie den Direktor der Städtischen Taubstummenanstalt Berlin. Dieser empfahl ihnen, sich mit einem gewissen Herrn Reich zu treffen, der eine höhere Schule aufbauen wollte. Das war dann der erste Kontakt mit der ITA, der Israelitischen Taubstummenanstalt.

Helmut: Das hier war damals die ITA, die Israelitische Taubstummenanstalt. Es gibt einen alten Film von 1932, der zeigt, wie es hier zuging.

Archivaufnahmen: ITA aus “Verkannte Menschen“

Helmut: Felix Reich war hier ab 1919 Schulleiter der ITA. Aufgebaut hatte sie sein Vater. Felix hat die Schule von ihm übernommen. Mich interessiert, was für ein Mensch Felix Reich war?

Mark: Es war eine sehr interessante Person. Er selbst ist mit Gehörlosen aufgewachsen, also bilingual - mit der Deutschen Laut- und Schriftsprache und der Gebärdensprache. Deshalb verstand er die Seele/Empfindungen der Gehörlosen; konnte in Gebärdensprache kommunizieren – so auch mit Zeitlin. Er verstand ihn und konnte ihn fördern. Sein Ziel war es, Gehörlose nach oben zu bringen. Mit Zeitlin wollte er beweisen, dass auch Gehörlose es zu etwas bringen können. Deshalb war die Beziehung zwischen Reich und Zeitlin enorm wichtig.

Helmut: Durch diesen Kontakt eröffneten sich anscheinend für Zeitlin viele neue Möglichkeiten, die später von Bedeutung waren. Wie ging es dann bis zum Abitur weiter?

Mark: Gut; Du musst dir vorstellen, dass der Kontakt zur ITA 1922 entstand. Das bedeutet, er war 15 Jahre alt und neu an der Schule. Seine Zeugnisse waren interessant. Sie belegen, dass er in Deutsch, Französisch und Englisch Schwierigkeiten hatte, aber in Physik, Chemie, Biologie und Mathematik überdurchschnittliche Leistungen erzielte und den Anderen weit voraus war. Deshalb wurde ihm Einzelunterricht genehmigt, und ein Jahr später durfte er als Hospitant in den Fächern Physik, Chemie und Biologie eine Schule für Hörende besuchen. Dort konnte er also Wissen auf einem anderen Niveau erlernen. An der ITA wurde er in den anderen Fächern so gefördert, dass er es innerhalb von 3 Jahren schaffte, seine Defizite auszugleichen! 1924, im Alter von 18 Jahren, bestand er das Abitur, mit den gleichen Anforderungen wie für hörende Schüler!

Helmut: Zeitlin war von Geburt an taub. Er betrachtete das Gehör als überflüssig und empfand die Taubheit nicht als Defizit. Lediglich in Situationen, wenn er Hörenden begegnete, hatte er Probleme und war irritiert. In seinem Buch, das 1927 erschien, schrieb er: “Wenn ich die Hörenden sehe, wundere ich mich: sie sind wie Marsmenschen, die aus dem All heruntergefallen und zufällig auf der Erde gelandet sind.“ Wenn er Hörende traf, versuchte er sie zu verstehen, was nicht gelang, weil sie mitunter eine schlechte Mimik hatten. Umgekehrt waren Hörende verunsichert, weil Zeitlin eine ungewöhnliche Aussprache hatte. Zeitlin war manchmal verzweifelt, gleichzeitig aber auch sehr zäh und zielstrebig. Stellt sich die Frage, wie Zeitlin es nach dem Abitur geschafft hat, an der Universität aufgenommen zu werden und den Abschluss als Diplomingenieur zu erlangen?

Mark: Dazu muss ich eines noch erwähnen. Bereits ein Jahr vor seinem Abitur hatte er einen Fernseher entwickelt und beim Patentamt angemeldet. Damit hatte er Erfolg. Reich zeigte dieses Patent Albert Einstein. Er sah es sich an und sagte seine Unterstützung zu. Dadurch erhielt er ein Stipendium und die Universitätszulassung. Somit gelang es Zeitlin sein Studium aufzunehmen.

Helmut: Was Mark Zaurov soeben berichtet hat, ist schon toll! Das muss man sich vorstellen! Zeitlin war erst 15 Jahre alt und ging noch hier in die Israelitische Taubstummenanstalt, als er anfing, über das Fernseh-Problem nachzudenken und Aufzeichnungen zu machen. Er war erst 17, als er mit seinen Aufzeichnungen fertig wurde und sie zum Reichspatentamt schickte. Allerdings musste eine Weile warten, bis einige Sachverständige das Patent prüften und es für sehr gut und einwandfrei befanden. Später las auch Albert Einstein die übrigen Aufzeichnungen und fand sie hervorragend! Hier seht Ihr einen Filmausschnitt, in dem Albert Einstein 1930 die Funkausstellung in Berlin eröffnet.

Archivaufnahmen: NDR Prisma Dokumentation: “100 Jahre Nobelpreis“. Ausschnitt: EINSTEIN ERÖFFNET DIE FUNKAUSSTELLUNG 1930 IN BERLIN. NDR PNR 0038770000 ANR 1088541 v. 4.12.01

Einstein: Verehrte An- und Abwesende!

Helmut: Einstein ermöglichte Zeitlin also sein Universitäts-Stipendium. Zwischen 1924 und 1933 hat Zeitlin noch 7 weitere Patente hier beim Reichspatentamt eingereicht – insgesamt also 8 Patente. Jetzt zeige ich euch den einzigen Filmausschnitt, den es von Zeitlin gibt. Dieser Film wurde im Labor gedreht.

Archivaufnahme: ZEITLIN IM LABOR aus “Verkannte Menschen“

Helmut: Die Aufnahme, die wir gesehen haben, war wirklich sehr kurz, schade. Leider gibt es nicht mehr davon. Hier im Technikmuseum in Berlin stehen Ausstellungsstücke zur Entwicklungsgeschichte des Fernsehens. Von Zeitlin ist hier aber nichts dabei. Das technische Prinzip, dass er entwickelt hatte, war kompliziert und dementsprechend zu teuer. Aber trotzdem hat er für seine 8 Patente Geld erhalten.

Mark: Zeitlin hat vertraglich festgehalten, dass zehn Prozent der Erlöse der 8 angemeldeten Patenten an die Israelitische Taubstummenanstalt Berlin, überwiesen werden sollten. Somit bekam die ITA im ersten Jahr schon 100 Mark, was damals viel Geld war!

Helmut: Du hast uns eben berichtet, dass er 10 % der Erlöse der ITA zukommen lassen hat. War die Beziehung zur ITA für Zeitlin so wichtig?

Mark: Ja! Nachdem Zeitlin nach Paris zog, gab es weiterhin einen regelmäßigen Briefwechsel. Die Verbindung war ihm also sehr wichtig. Als Kind mochte er die Lehrer gern, die ihm alle Fragen beantworten konnten und ihm alles im Labor zeigten. Das war hochinteressant für ihn gewesen. Er mochte sie von Herzen. Sie hatten ihm Bildung ermöglicht und er fühlte sich mit ihnen auch als Jude verbunden. Er konnte sich über das Leben austauschen, Bereiche wie das Theater neu erfahren. Ein weiterer Beleg ist das Buch, das er 1927 geschrieben hat. Es war den beiden wichtigsten Personen gewidmet: seiner Mutter und Emma Reich, der Mutter des Schulleiters Felix Reich. Das war ihm wichtig. Ich glaube, er wollte seinen Dank gegenüber der ITA zum Ausdruck bringen, wo er Bildung und seine eigene Identität erfahren hat.

Helmut: Wie ging es dann nach Abschluss seines Studiums weiter? Später, 1933, kamen ja die Nationalsozialisten an die Macht, und das war bekanntermaßen für die Juden der Beginn der Katastrophe!

Archivaufnahme: Aus: NDR Kulturfeature “Fritz und Ivan“ v. 26.11.1992. Archivnr.: 1058326 Beh 05. Ausschnitt: BRAUNHEMDEN MARSCHIEREN

Musik: authentische Tonaufnahme

Mark: Plötzlich waren die Nazis an der Macht und er musste fliehen. Er ging 1934 zu Verwandten nach Paris und blieb dort, bis er dort im Versteck erschossen wurde. Wie, ist bis heute nicht bekannt; der genaue Todeszeitpunkt ist auch nicht klar.

Helmut: Du hast uns sehr viel über ihn erzählt. Was ist deiner Meinung nach für die heutige Gehörlosengemeinschaft und für die Gehörlosengeschichte allgemein, die „Deaf History“, das Besondere an ihm? Und was verbindet dich persönlich als Jude mit ihm?

Mark: Zeitlin ist für die Deaf History sehr interessant. Er hat es damals als Gehörloser geschafft die Universität zu durchlaufen – ohne Dolmetscher –, und das Studium erfolgreich zu beenden. Das zeigt, dass er ein Vorbild für die Gehörlosen ist, und dass es wichtig ist, die Geschichte nicht zu vergessen. Die Auffassung, dass Gehörlose vieles nicht können, ist falsch. Sie können wie Hörende einiges erreichen. Auch im Bereich der Wissenschaft können sie hervorragend sein. Die Frage ist auch, ob man Zeitlin mit anderen Persönlichkeiten vergleichen kann. Wernher von Braun ist ja auch durch das Fernsehen und durch seine Raketentechnik bekannt geworden. Hätte Zeitlin ebenso einen Weg einschlagen können, wenn ihn die Nazis nicht erschossen hätten? Auf der anderen Seite kann ich mich als gehörloser Jude mit ihm identifizieren. Wir beide sind in Russland geboren, dann aber in ein anderes Land mit einer anderen Sprache gezogen. Wir mussten uns also komplett umstellen. Zudem haben wir beide das Abitur gemacht und danach studiert. Ich fühle mich innerlich stark mit ihm verbunden, weil wir beide als Gehörlose und Juden zu einer doppelten Minderheit gehören.

Helmut: Wie Mark eben erzählt hat, wurden Zeitlins Werdegang und sein beruflicher Aufstieg durch die Machtergreifung der Nazis abrupt beendet. Er musste aus Deutschland fliehen, weil er Jude war. Insgesamt gesehen war Zeitlin eine hochinteressante Persönlichkeit. Er hat viel erreicht, und deshalb ist wichtig für uns, dass wir ihn kennen.

Copyright © 2003 by IGJAD - Alle Rechte vorbehalten.